26.2.17 Ein wahres Weltwunder

Es soll ein schöner Tag werden, einer zum Ausruhen, zum Durchatmen, zum Kraft schöpfen vor den nächsten Etappen, die mordsmässige Anstrengungen bedeuten werden. Der Ausflug zu den Wasserfällen soll also erst am Montag stattfinden, wenn der Wochenendrummel vorbei ist, und man sich nicht durch Millionen Besucher durchkämpfen muss.

Denkste!

Der Typ an der Reception erwähnt ein Taxi, das in ein paar Minuten abfährt und seine Passagiere direkt zur argentinischen Seite der Fälle bringen soll. Aber heute ist Sonntag, wage ich einzuwenden, was allerdings auf taube Ohren stösst, und so entscheide ich mich widerwillig für seinen Vorschlag. Ein paar Stunden später wird klar werden, was für ein Idiot ich doch bin!

Aber der Reihe nach. Das angekündigte Taxi, das in wenigen Minuten kommen soll, steht tatsächlich on Time vor dem Hotel, einfach eine Stunde später als versprochen. Das nennt man wahrscheinlich brasilianisches Zeitempfinden (oder ist es einfach die DNA, die eine ganz andere Idee von Pünktlichkeit bewirkt?). Anyway, zwei andere Paare sitzen im Bus, erfreulicherweise solche mit Englischkenntnissen. Fabricio und Giselle (leider nicht Bündchen) stehen mir von Anfang an bei, das etwas komplizierte Prozedere zu verstehen.

Natürlich überqueren wir die argentinische Grenze, also wieder Pass raus, Stempel rein, und dann geht’s endlich in Richtung des Parkeingangs. Allerdings dauert die Fahrt gerade mal ein paar Minuten, bis wir am Ende einer kolossalen Schlange von Vehikeln zum Stehen kommen. Das hätte uns eigentlich die erste Warnung sein sollen, aber wir sind eh schon verloren.

Irgendwie kommen wir als Taxi mittels spezieller Behandlung schneller vorwärts als befürchtet, und so erreichen wir ziemlich genau um 12 den Eingang. Fabricio und Giselle laden mich ein, sich ihnen anzuschliessen, was ich natürlich noch so gerne tue.

Und schon wartet die nächste Schlange auf uns, die erste von vielen, wie wir wenig später schmerzhaft erleben sollten. Noch halbwegs belustigt, reihen wir uns zuhinterst ein. Es erinnert mich an Rockkonzerte in den 60-er- und 70-Jahre, als die Organisation noch zu wünschen übrig liess und man entweder in einem gefährlichen Gewimmel von Leuten fast erdrückt wurde oder sich in einer endlos scheinenden Warteschlange einreihen musste. Aber auch dieses Hindernis ist irgendwann überwunden, man bezahlt den stattlichen Betrag von 30 Dollars, und geht anschliessend ein paar hundert Meter zum Bahnhof, wo der Zug abfahren soll. Falls nun jemand ahnen sollte, dass eine weitere Schlange auf uns wartet, liegt er genau richtig. Ein Uniformierter informiert uns, dass es vielleicht besser ist, die gerade mal achthundert Meter bis zur Mittelstation zu Fuss zu gehen. Der Grund, die kurze Bahnstrecke in zwei Abschnitte aufzuteilen, bleibt ein Geheimnis, das wahrschenlich nur die Erbauer kennen und verstehen. Auf jeden Fall ist auch die Schlange an der Mittelstation lang, geradezu pervers lang. Wir rechnen aus: falls der Zug alle 15 Minuten fährt und pro Fahrt ca. 300 Passagiere befördert, werden wir frühestens im überüberüberübernächsten Zug mitgenommen werden!

Die Hitze ist unvorstellbar. Nur die Wartenden in der Nähe des Zuges kommen in den Genuss eines Daches, alle anderen, wir eingeschlossen, leiden und stöhnen und jammern unter der gnadenlosen Sonne. Ohne guten Sonnenschutz sind massive Verbrennungen angesagt. Kinder und Babys sind besonders ausgesetzt; wenigstens für sie gibt es mitleidige Leute, die ihnen Exil unter dem schützenden Dach anbieten. Ich komme mir vor wie in Dantes Purgatorium, aber im Gegensatz zu den Sündern ist unser Leiden irgendwann zu Ende. Das Spielzeugzüglein mit einer Spielzeuglokomotive, auf der der Lokomotivführer knapp sitzen kann, fährt mit einer neuen Ladung ab, darunter, Gott sei’s gedankt, auch wir. Erst jetzt erkennen wir, dass neben den Geleisen zahlreiche Leute zu Fuss die kurze Strecke ohne die lange Warterei hinter sich bringen. Fuck und nochmals fuck! Machen wir denn heute alles falsch!

Als hätte es noch einer Steigerung bedurft, steht uns der eigentliche Hammer noch bevor. Im irrigen Glauben, das Schlimmste hinter uns gelassen zu haben, bewegen wir uns voll neu gewonnener Euphorie in Richtung des Eingangs … und trauen unseren Augen nicht, denn das, was sich vor unseren Augen bietet, ist die längste Schlange, die ich je gesehen habe. Aber bei näherer Überlegung eigentlich nicht überraschend: ab hier geht man auf Brücken bis zu den verschiedenen Plattformen, und diese sind ganz einfach beschränkt, was die Anzahl der sich darauf befindlichen Besucher anbetrifft. Im Kurztext: erst wenn sich wieder eine Horde Besucher zurückbewegt, erhält die nächste Hundertschaft die gnädige Erlaubnis zum Eintreten ins gelobte Land …

Nun, in der Zwischenzeit sind seit dem Eingang drei Stunden vergangen, drei Stunden anstehen in der Hitze, drei Stunden Ärger und Frust und beginnende Aggressionen, aber Leute, es hat sich gelohnt. Denn das, was uns am Ende des Spaziergangs auf metallenen Gehwegen erwartet, ist das Unglaublichste, was ich diesbezüglich schon gesehen habe. Eigentlich ist es nicht zu beschreiben, aber ich versuche es trotzdem …

Ein paar Zahlen aus Wikipedia: Die Iguazú-Wasserfälle bestehen aus 20 größeren sowie 255 kleineren Wasserfällen auf einer Ausdehnung von 2,7 Kilometern. Einige sind bis zu 82 Meter, der Großteil ist 64 Meter hoch. Die Wassermenge an den Fällen schwankt von 1500 m³/s bis über 7000 m³/s. Das umgangssprachlich Garganta del Diablo (spanisch) beziehungsweise Garganta do Diabo (portugiesisch) oder „Teufelsschlund“ genannte Wasserfallsystem ist eine U-förmige, 150 Meter breite und 700 Meter lange Schlucht. Da die meisten Fälle in Argentinien liegen, ist der größere Panoramablick von der brasilianischen Seite aus möglich. Die Fälle sind durch mehrere größere und kleinere Inseln voneinander getrennt.

Die Gargante del Diablo, der Teufelsschlund, das ist das, was vor uns donnert und kracht und ein Getöse veranstaltet, als wäre tatsächlich der Teufel am Werk. Es dampft und kocht und siedet, zerstäubtes Wasser hängt wie ein gewaltiger Schleier über dem Abgrund, ein permanenter Regenbogen verleiht dem Ganzen erst die notwendige Patina. Tausend Leute drängen sich auf den engen Plattformen über dem Schlund, Millionen von Fotos und Videos und Selfies werden im Sekundentakt geschossen. Alle paar Minuten schwappt ein nasser Nebel über den Zaun, lässt die Leute entweder erschrecken (die Fotoapparate! Die Handys!) oder vor Freude aufschreien.

Man müsste allein sein, Zeit haben, dieses Weltwunder ganz geniessen zu können. Einmal mehr erhält man einen kurzen, aber eindrücklichen Einblick in die Kräfte der Natur. Allein der Anblick der gelben Wassermassen, die noch ruhig, aber immer schneller werdend dem Abgrund entgegenfliessen, bevor sie einen winzigen Augenblick zu schweben scheinen, um dann  donnernd in der Tiefe zu verschwinden.

Alles andere, der Camino Inferior, der Sichten von unten her bietet, auch die Treppen hinunter zum Fluss, die Boote mit den Touristen, die ganz nahe an das herabdonnernde Wasser herangeführt werden (das habe ich verpasst), das alles ist Zubehör, das wirklich Entscheidende bleibt die Garganta del Diablo … Unvergesslich …

Kilometerstand: 2073

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